Sprache ist der Schlüssel zur Integration

Ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten in Montabaur

Im Rahmen der Portrait-Serie „Chancenpaten“ stellen wir heute zwei Frauen vor, die seit über zehn Jahren ehrenamtlich Sprachunterricht für Geflüchtete geben. Bei den wöchentlichen Treffen lernen die Menschen nicht nur Deutsch, sondern auch viel über unsere Kultur.

Ehrenamt:Monika Friemel und Hildegard Wiedenmann
Sprachunterricht im Haus Rossberg
Seit:2015

Mit Sprache Brücken bauen

„Ich wollte nicht mehr über Geflüchtete sprechen, sondern mit ihnen “, erzählt Hildegard Wiedenmann. 2015 suchte sie deshalb nach einer Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Sie fand sie zusammen mit Monika Friemel. Die Lehrerin war gerade pensioniert und wollte ihr Wissen und ihre Erfahrung sinnvoll einbringen. „Ich möchte drin bleiben und mal ganz andere Menschen kennenlernen. Sehr liebe Menschen, die das anerkennen “, betont Friemel. Beide Frauen unterrichteten zunächst vorwiegend Männer, die nach Montabaur gekommen waren, nahmen selbst Geflüchtete auf und halfen ihnen beispielsweise bei Behördengängen.

Später kamen Ehefrauen und Kinder nach. „Die Männer lernen die Sprache bei der Arbeit, die Kinder in der Kita und in der Schule “, erzählt Wiedenmann. Für viele Frauen war es dagegen schwierig, einen Sprachkurs zu besuchen, weil sie kleine Kinder betreuten und sich um den Haushalt kümmern mussten.

„Anfangs habe ich versucht, zu Hause zu lernen und Videos und Filme auf Deutsch zu schauen “, berichtet Gulnaz aus Afghanistan. „Ich habe versucht, mit und von meinen Kindern Deutsch zu lernen “, erzählt Zebib aus Eritrea. Doch die Frauen merkten schnell, wie schwierig die Sprache ist. Einen passenden Sprachkurs zu finden, war nicht leicht.

Deutsch lernen – und miteinander leben

„Da haben wir beschlossen, einen Kurs nur für Frauen anzubieten “, sagt Wiedenmann. In den wöchentlichen Treffen geht es um weit mehr als Grammatik und Vokabeln. Der Unterricht beginnt mit einem Gespräch über aktuelle Themen. Es folgen Rätsel, lautes Vorlesen und Übungen für alltägliche Gespräche. Es wird über Jahreszeiten und typische Feste in Deutschland gesprochen. Warum feiern wir Allerheiligen? Welche Traditionen gibt es im Herbst? Im Gegenzug erzählen die Frauen von den Bräuchen ihrer Heimatländer, etwa davon, wie Hochzeiten oder Beerdigungen gestaltet werden. Auch gemeinsame Ausflüge auf den Spielplatz mit den Kindern oder zum Weihnachtsmarkt gehören dazu.

„Natürlich lernen wir auch Grammatik, beispielsweise die Bildung des Perfekts. Das ist eine der häufigsten Zeitformen, die wir im Alltag verwenden “, erklärt Friemel. Die deutsche Sprache stellt die Frauen vor einige Herausforderungen. Neben der Aussprache können auch unterschiedliche Schriftsysteme und Leserichtungen das Lernen erschweren. Manche Frauen hatten zudem in ihrer Heimat keine Gelegenheit, lesen und schreiben zu lernen.

Aus dem Sprachkurs ist längst eine Gemeinschaft geworden. Als Zebibs Tochter heiratete, wurde die ganze Gruppe zur eritreischen Hochzeit eingeladen. „Das war sehr beeindruckend “, erinnert sich Wiedenmann. „Die Kleidung, die Musik und die Tänze, das Essen und die ganze Gemeinschaft. “

Monika Friemel (rechts) mit Sara aus Eritrea (links) und Gulnaz aus Afghanistan beim Deutschunterricht. (VG Montabaur, Viola Marschall)

„In Deutschland, Frau ist frei “

Wie wichtig die erworbenen Sprachkenntnisse für den Alltag sind, zeigt auch ein anderes Beispiel: die Mülltrennung. „Die Bewohner unserer Straße haben das immer falsch gemacht “, berichtet Gulnaz. Gemeinsam mit den anderen Frauen verteilte sie Informationsmaterial der WAB in den Häusern und sprach mit den Bewohnern darüber, welcher Abfall in welche Tonne gehört. So konnten die Frauen ihr Wissen einsetzen, um auch in ihrer Nachbarschaft etwas zu bewegen.

Sprache kann Türen öffnen und Selbstständigkeit ermöglichen. „Anfangs hatte ich Angst, aus dem Haus zu gehen. Egal, ob zum Supermarkt oder zum Arzt. Das ist schwer, wenn man die Sprache nicht beherrscht “, erinnert sich Gulnaz. Inzwischen traut sie sich deutlich mehr zu. Sogar die theoretische Führerscheinprüfung mit ihren manchmal kniffligen Multiple-Choice-Fragen hat sie bestanden.

„Ich betreue meine Kinder, ich möchte arbeiten, ich brauche den Führerschein “, sagt sie energisch. Und dann fügt sie einen Satz hinzu, der viel über ihre Erfahrungen und ihre Wünsche verrät: „In Deutschland, Frau ist frei. “

Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag von 9 bis 11 Uhr im Haus Rossberg in Montabaur. „Erste Sprachkenntnisse sollten vorhanden sein“, sagt Friemel. „Wir wünschen uns sehr, dass noch mehr Frauen in unsere Gruppe kommen.“

Weitere Informationen und Ansprechpartner zu Chancenpatenschaften erhalten Sie unter https://www.generationenbuero-montabaur.de/angebote-des-generationenbueros/chancenpatenschaften/.

Ansprechpartnerin: 

Integrationsbeauftragte Gentijana Arifi

Tel.: 02602 / 126 309

Mobil: 0170 / 526 80 64

Mail: garifi@montabaur.de


Veröffentlicht

in

, , ,

von

Schlagwörter: